In der Werbung eines Milchpulverunternehmens war einmal ein neugeborenes Baby zu sehen, das im Wasser schwamm. Die meisten Menschen, die die Szene sahen, in der ein Baby schwamm, das noch nicht einmal seinen Kopf richtig halten konnte, hielten sie für inszeniert.
Doch erstaunlicherweise ist so etwas tatsächlich möglich. Babys fühlen sich im Wasser nicht etwa ängstlich, sondern geborgen – je jünger sie sind, desto mehr. Neugeborene treiben im Wasser ganz ruhig, können die Augen öffnen und strampeln leicht mit den Beinen, wenn sie zu sinken beginnen. Wie ist so etwas möglich? Obwohl sie es etwa drei Monate nach der Geburt vergessen, erinnern sich Babys noch daran, dass sie zehn Monate lang im Fruchtwasser verbracht haben, also in dem Wasser im Mutterleib.
Das Fruchtwasser, das den Fötus zehn Monate lang umgibt, ist kein gewöhnliches Wasser. Es gleicht einer Wiege und ersetzt gleichsam die schützende Umarmung der Mutter. Zunächst schützt das Fruchtwasser den Fötus wie ein weiches Kissen vor äußeren Stößen. Wird zum Beispiel plötzlich Druck auf den Bauch der Mutter ausgeübt oder stößt er gegen etwas, so absorbiert das Fruchtwasser den Aufprall, sodass der Fötus nicht unmittelbar davon betroffen ist. Außerdem kann es vorkommen, dass sich die Nabelschnur um den Körper des Fötus wickelt, den Blutfluss behindert und dadurch die körperliche Entwicklung des Fötus verzögert oder im schlimmsten Fall zu seiner Strangulation und seinem Tod führt. Um solchen Unfällen vorzubeugen, hält das Fruchtwasser die Nabelschnur vom Körper des Fötus fern. Das Fruchtwasser schützt den Fötus nicht nur vor physischen Einwirkungen, sondern auch vor Bakterien. Die Fruchtblase, die das Fruchtwasser umschließt, verhindert das Eindringen von Keimen und schützt und isoliert den Fötus, sodass er sich gleichsam in einem keimfreien Raum befindet.
Das Fruchtwasser, das den Raum zwischen Mutter und Fötus füllt, die durch die Nabelschnur miteinander verbunden sind, dient auch als Verbindungsglied zwischen beiden. Das durch die Körperwärme der Mutter erwärmte Fruchtwasser umgibt den Fötus und hält eine gleichmäßige Temperatur. So wird die Wärme der Mutter auf den Fötus übertragen, der noch nicht in der Lage dazu ist, seine Körpertemperatur selbst zu regulieren. Dank der hohen spezifischen Wärmekapazität des Wassers, durch die sich seine Temperatur nicht leicht verändert, behält das Fruchtwasser stets die gleiche Temperatur wie die Körpertemperatur der Mutter bei.
Das Fruchtwasser übermittelt dem Fötus noch etwas anderes: Geräusche. Wenn ein Baby weint, so gibt es kaum etwas Wirksameres als das Rauschen eines Fernsehers oder das Geräusch eines Staubsaugers. Das mag seltsam klingen, doch der Grund ist einfach: Diese Geräusche ähneln jenen, die das Baby als Fötus im Bauch der Mutter gehört hat. Durch vertraute Geräusche findet das Baby wieder zur Ruhe. Die Geräusche, die durch das Fruchtwasser übertragen werden, sind meist unregelmäßige, rauschende Laute. Von den vielen Geräuschen der Außenwelt werden dem Fötus vor allem tiefe Töne übermittelt, wie etwa das Geräusch, das entsteht, wenn die Mutter ihren Bauch streichelt, oder die Stimme des Vaters, denn im Wasser werden tiefe Töne besser übertragen als hohe. Wenn man davon ausgeht, dass Geräusche nur von außen eindringen, so ist die tiefe Stimme des Vaters besser zu hören als die hohe Stimme der Mutter. Die Stimme der Mutter wird jedoch auch über die Wirbelsäule und das Becken direkt durch Knochenschwingungen übertragen. Die auf diese Weise übertragenen Geräusche fördern die Entwicklung des Gehörs des Fötus und stärken die Bindung zu den Eltern.
Auch das Wachstum des Fötus wird durch das Fruchtwasser ermöglicht. Wasser hat einen hohen Auftrieb, sodass Bewegungen im Wasser freier sind als in der Luft. Zudem bietet es Widerstand, was den Aufbau der Muskelkraft fördert – weshalb Wasser auch in der Rehabilitation von Patienten eingesetzt wird. Nach demselben Prinzip bewegt der Fötus im Fruchtwasser eifrig seine Arme und Beine und entwickelt so seine Muskulatur und sein Skelett. Er stärkt seine Muskeln und festigt seine Knochen, um sich auf den Eintritt in die Welt vorzubereiten.
Beobachtet man die Bewegungen eines Fötus genau, so kann man erstaunlicherweise sehen, wie er seine Lunge mit Fruchtwasser füllt, als würde er atmen. Dabei übt er die Sauerstoffatmung: Durch das wiederholte Füllen und Leeren der Lunge wird die Atemmuskulatur trainiert und die Entwicklung der Lunge gefördert. Bei der Geburt wird ein Teil der Flüssigkeit, die sich in seiner Lunge befand, durch den Druck herausgepresst; der Rest wird nach und nach vom Körper aufgenommen. Dann atmet das Baby tief Luft ein – so, wie es das im Fruchtwasser geübt hat. In diesem Moment stößt das Baby seinen ersten Schrei aus.
Das Fruchtwasser, das den Fötus umgibt, entsteht in der Frühschwangerschaft vor allem aus Flüssigkeit, die aus dem mütterlichen Blut stammt und durch das Amnion abgesondert wird. Es ist eine farblose, klare Flüssigkeit, ähnlich einer physiologischen Kochsalzlösung. Mit dem Wachstum des Fötus trübt es sich ein, da sich darin Partikel wie Lanugohaar (feine Körperbehaarung), Vernix caseosa (ein Schutzfilm auf der fötalen Haut) und Lungenflüssigkeit ansammeln. Ab der 12. Schwangerschaftswoche beginnt der Fötus, Fruchtwasser zu schlucken. Das geschluckte Fruchtwasser durchläuft den Verdauungstrakt und die Nieren des Fötus; unverdauliche Bestandteile bleiben im Dickdarm zurück, während das Wasser über die Nieren ausgeschieden wird und wieder ins Fruchtwasser gelangt. Dabei nimmt der Fötus im Fruchtwasser gelöste, wachstumsrelevante Stoffe wie Albumin und Lecithin auf. Auf diese Weise durchläuft das Fruchtwasser immer wieder den Körper des Fötus, wird dabei fortwährend erneuert und bewahrt seine bemerkenswerte Eigenschaft, während der gesamten Schwangerschaft unverderbt zu bleiben.
Das wiederholte Schlucken von Fruchtwasser durch den Fötus trägt zur Regulierung der Fruchtwassermenge bei. Etwa zwischen der 23. und 36. Schwangerschaftswoche erreicht sie mit etwa 700 bis 1.000 ml ihren Höchststand und nimmt kurz vor der Geburt leicht ab. Da das Fruchtwasser dem Fötus Bewegungsraum verschafft, kann zu wenig Fruchtwasser das Wachstum des Fötus verlangsamen und die Geburt erschweren; zu viel Fruchtwasser hingegen kann das Risiko einer Frühgeburt erhöhen. Selbst die Menge des Fruchtwassers muss also optimal auf den Fötus abgestimmt sein.
Das Fruchtwasser enthält auch zahlreiche Informationen über den Fötus. Durch die Untersuchung der im Fruchtwasser enthaltenen fötalen Zellen können Chromosomenanomalien und bestimmte Fehlbildungen festgestellt sowie der Entwicklungsstand des Fötus überprüft werden. Solche Untersuchungen werden vor allem durchgeführt, wenn die Schwangere bereits in höherem Alter ist oder eine familiäre Vorbelastung besteht.
Das Fruchtwasser begleitet und schützt das Baby bis zum letzten Moment, in dem es in die Welt kommt. Wenn bei der Geburt die Fruchtblase platzt, unterstützt das Fruchtwasser nicht nur den Geburtsvorgang, sondern spült auch den Geburtskanal, durch den das Baby hindurchtritt, und hält ihn feucht. So erfüllt es seine letzte Aufgabe.
In einem Experiment ließen Forscher neugeborene Babys am Fruchtwasser riechen. Daraufhin hörten alle auf zu weinen, drehten den Kopf in Richtung des Geruchs und schmatzten mit den Lippen. Offenbar erkannten die Babys den Geruch des Fruchtwassers wieder.
Das Fruchtwasser dient als Medium, das Mutter und Kind sowohl psychologisch als auch physiologisch miteinander verbindet. Durch das Fruchtwasser steht der Fötus auf ganz besondere Art und Weise mit seiner Mutter in Verbindung. Die Mutter spürt durch das Fruchtwasser die Bewegungen des Kindes und nimmt so die Anwesenheit ihres Kindes wahr; das Kind wächst im Fruchtwasser heran und erinnert sich an die Geräusche, Gerüche und Geschmäcker, die es darin wahrgenommen hat. 280 Tage lang entwickelt sich das Kind, geschützt und umsorgt im Fruchtwasser. Warum beginnt das Leben mit einer Flüssigkeit, die von der Mutter stammt?
„Zu der Zeit werden lebendige Wasser aus Jerusalem fließen, die eine Hälfte zum Meer im Osten und die andere Hälfte zum Meer im Westen, und so wird es sein im Sommer und im Winter.“ Sach14,8
„Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes; mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker.“ Offb 22,1-2
„Aber das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie; das ist unsre Mutter.“ Gal 4,26
