{"id":15943,"date":"2023-12-18T14:36:10","date_gmt":"2023-12-18T05:36:10","guid":{"rendered":"https:\/\/jerusalemmother.com\/mothers-pain\/"},"modified":"2026-07-10T16:53:53","modified_gmt":"2026-07-10T07:53:53","slug":"mothers-pain","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jerusalemmother.com\/de\/mothers-pain\/","title":{"rendered":"Durch die Schmerzen einer Mutter erblickt ihr Kind das Licht der Welt."},"content":{"rendered":"<p>Schmerz ist ein subjektives Empfinden, das sich quantitativ nicht messen l\u00e4sst. Daher ist Schmerz ein relativer Begriff, f\u00fcr den sich keine absoluten Zahlenwerte berechnen lassen. Wenn man jedoch versucht, Schmerzen in Zahlen auszudr\u00fccken, so steht an erster Stelle die Kausalgie, ein brennender Schmerz wie bei Verbrennungen, gefolgt von Schmerzen durch eine Amputation und schlie\u00dflich von den Schmerzen bei einer Geburt. Wenn man bedenkt, dass Kausalgie und Amputationen keine allgemein vorkommenden Erfahrungen sind, kann man sagen, dass die Geburt den st\u00e4rksten Schmerz mit sich bringt, den ein Mensch auf nat\u00fcrlichem Wege erfahren kann.<\/p>\n<p>Doch die Strapazen einer Mutter bis zur Begegnung mit ihrem Kind beschr\u00e4nken sich nicht allein auf die Schmerzen bei der Geburt. Das Leiden beginnt bereits mit der Einnistung der befruchteten Eizelle. Man bezeichnet den Vorgang, bei dem sich der durch die Verschmelzung von Spermium und Eizelle entstandene Embryo in die Geb\u00e4rmutterschleimhaut einnistet und dadurch in die Lage versetzt wird, Sauerstoff und N\u00e4hrstoffe von der Mutter zu erhalten, als Implantation. Von diesem Moment an versetzt die Mutter alle ihre Systeme in h\u00f6chste Anspannung und s\u00e4mtliche k\u00f6rperlichen Vorg\u00e4nge richten sich auf den Embryo aus.<\/p>\n<figure><picture><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/thum_mothers_pain_01.jpg\"><\/picture><\/figure>\n<p>Das Immunsystem \u00fcbernimmt die Rolle einer Armee, die unseren K\u00f6rper vor \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen sch\u00fctzt. Wenn Fremdstoffe in den K\u00f6rper eindringen und sich an Zellen anheften, dann sch\u00fctten diese Zellen entz\u00fcndungsf\u00f6rdernde Stoffe aus. Diese Stoffe wirken wie ein Alarmsignal. Die Immunzellen im K\u00f6rper, die dieses Signal wahrnehmen, eilen herbei und greifen die Fremdstoffe an. Auch Entz\u00fcndungs- und Fieberreaktionen treten deswegen auf, weil das Immunsystem gut funktioniert. Diese Immunreaktion ist der Grund daf\u00fcr, dass gesunde Menschen Infektionen durch Bakterien oder Viren abwehren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch gerade aufgrund dieses Immunsystems k\u00f6nnte auch ein Embryo im Mutterleib als Fremdk\u00f6rper angesehen werden, da er ein anderes Erbgut als die Mutter besitzt. Dennoch greift das Immunsystem der Mutter den Embryo nicht an. Einem Forschungsbericht eines Teams der New York University in den USA zufolge zeigte die Beobachtung von Geb\u00e4rmutterschleimhautzellen, dass diese auch nach der Einnistung des Embryos keine entz\u00fcndungsf\u00f6rdernden Stoffe aussch\u00fctteten. Das Forschungsteam stellte fest, dass sich die Aktivit\u00e4t bestimmter Gene, die in den Geb\u00e4rmutterschleimhautzellen wie ein Alarmsystem wirken, im Vergleich zu dem Zustand vor der Schwangerschaft ver\u00e4ndert hatte. Mit anderen Worten: Durch die Einnistung des Embryos wird die Aktivit\u00e4t dieser Gene in den Geb\u00e4rmutterschleimhautzellen so reguliert, dass das m\u00fctterliche Immunalarmsystem an dieser Stelle gewisserma\u00dfen ausgeschaltet wird.<\/p>\n<p>Um den Embryo aufzunehmen, der f\u00fcr den K\u00f6rper der Mutter gewisserma\u00dfen einen Fremdstoff darstellt, wird das Immunsystem der Mutter w\u00e4hrend der Schwangerschaft stark reguliert. Dadurch kann auch die F\u00e4higkeit, andere Fremdstoffe abzuwehren, in gewissem Ma\u00dfe eingeschr\u00e4nkt sein. Deshalb sind schwangere Frauen anf\u00e4lliger f\u00fcr bestimmte Krankheiten. Doch selbst wenn sie erkranken, k\u00f6nnen sie nicht ohne Weiteres Medikamente einnehmen, da manche Arzneimittel bei dem Embryo oder F\u00f6tus schwerwiegende Sch\u00e4den verursachen k\u00f6nnen. Der K\u00f6rper einer Mutter nimmt also f\u00fcr das Kind enorme Risiken auf sich.<\/p>\n<p>Die auff\u00e4lligste Ver\u00e4nderung w\u00e4hrend der Schwangerschaft ist die hormonelle Ver\u00e4nderung. Um die Schwangerschaft aufrechtzuerhalten, bleiben die Spiegel der weiblichen Hormone \u00d6strogen und Progesteron sehr hoch. Dabei vergr\u00f6\u00dfert sich auch die Hypophyse, die den Hormonhaushalt reguliert, und die Schilddr\u00fcse kann sogar um bis zu 30 % an Volumen zunehmen. Im mittleren und sp\u00e4teren Verlauf der Schwangerschaft kann es aufgrund der ver\u00e4nderten Hormonaussch\u00fcttung zu Juckreiz am ganzen K\u00f6rper, roten Flecken sowie Hautproblemen wie Akne oder Hautreizungen kommen. Nach der Geburt sinkt die Aussch\u00fcttung der weiblichen Hormone rapide ab, was sich auch auf die Gef\u00fchlslage der Mutter auswirken und zu einer postpartalen Depression f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Das Schwangerschaftshormon hCG<sup>1<\/sup>, das von der Plazenta gebildet wird, gilt als eine der Hauptursachen der \u00dcbelkeit w\u00e4hrend einer Schwangerschaft. Frauen im fr\u00fchen Stadium der Schwangerschaft leiden aufgrund der \u00dcbelkeit h\u00e4ufig unter Appetitlosigkeit und in schweren F\u00e4llen kann die Schwangerschafts\u00fcbelkeit ihre allt\u00e4glichen Aktivit\u00e4ten beeintr\u00e4chtigen. Da die Nahrungsaufnahme durch die \u00dcbelkeit w\u00e4hrend einer Schwangerschaft unregelm\u00e4\u00dfig wird, es zudem zu Fl\u00fcssigkeitsmangel kommen kann und die Darmbewegung durch den Anstieg des \u00d6strogenspiegels verlangsamt wird, k\u00f6nnen auch Verstopfung und Beschwerden im Analbereich leichter auftreten.<\/p>\n<div class=\"sup-desc\">\n1. hCG (humanes Choriongonadotropin): Ein Hormon, das w\u00e4hrend der Schwangerschaft von der Plazenta gebildet wird. Es verhindert den Abbau des Gelbk\u00f6rpers und sorgt daf\u00fcr, dass weiterhin Progesteron ausgesch\u00fcttet wird, wodurch die Schwangerschaft aufrechterhalten werden kann.\n<\/div>\n<p>Es gibt ein altes Sprichwort, das besagt, dass sich nach der Geburt eines Kindes alle Gelenke des K\u00f6rpers dehnen \u2013 und ganz unbegr\u00fcndet ist diese Aussage nicht. W\u00e4hrend der Schwangerschaft steigt der Spiegel des Hormons Relaxin, das die Gelenke und B\u00e4nder des K\u00f6rpers lockert, auf mehr als das Zehnfache des normalen Wertes an. Das w\u00e4hrend der Schwangerschaft von der Plazenta ausgesch\u00fcttete Relaxin lockert die Schambeinfuge und erleichtert so die Geburt. Das Problem ist jedoch, dass auch andere Gelenke von diesem Hormon beeinflusst werden. Nach der Geburt sinkt der Relaxin-Spiegel zwar rasch ab, doch da die Gelenke im ganzen K\u00f6rper bereits gelockert sind, k\u00f6nnen selbst kleine Ersch\u00fctterungen Schmerzen verursachen und das Risiko f\u00fcr Knochenbr\u00fcche erh\u00f6hen. Die durch den Einfluss des Hormons gelockerten Gelenke erholen sich in der Regel erst etwa drei Monate nach der Geburt wieder. Dadurch kann es zu R\u00fcckenschmerzen oder Gelenkbeschwerden kommen.<\/p>\n<p>Die einschneidendste Ver\u00e4nderung, auch wenn sie \u00e4u\u00dferlich nicht sichtbar ist, vollzieht sich im Herz-Kreislauf-System. Bis kurz vor der Geburt nimmt das Volumen des Blutes einer Mutter um etwa 40 bis 45 % zu. Insbesondere durch den starken Anstieg des Blutplasmas wird die Konzentration der roten Blutk\u00f6rperchen verd\u00fcnnt, die Sauerstoff transportieren, sodass An\u00e4miesymptome auftreten k\u00f6nnen. Mit dem zunehmenden Blutvolumen beschleunigt sich auch der Herzschlag und das Herz vergr\u00f6\u00dfert sich. Das w\u00e4hrend der Schwangerschaft erh\u00f6hte Blutvolumen nimmt nach der Geburt rasch wieder ab. Da der K\u00f6rper innerhalb kurzer Zeit solch drastische Ver\u00e4nderungen durchl\u00e4uft, kann auch das Herz belastet werden.<\/p>\n<figure><picture><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/thum_mothers_pain_02.jpg\"><\/picture><\/figure>\n<p>Die Gewichtszunahme w\u00e4hrend der Schwangerschaft betr\u00e4gt in der Regel etwa 10 bis 15 kg. Da sich durch das zus\u00e4tzliche Gewicht und den wachsenden Bauch der K\u00f6rperschwerpunkt ver\u00e4ndert, nimmt die Belastung f\u00fcr den K\u00f6rper einer Mutter deutlich zu. Um das Gewicht des F\u00f6tus zu tragen und das Gleichgewicht zu halten, ver\u00e4ndert sich im Stehen die K\u00f6rperhaltung; dabei kann sich der Kopf weiter nach hinten verlagern und die Wirbels\u00e4ule kann sich st\u00e4rker kr\u00fcmmen. Durch die pl\u00f6tzliche Gewichtszunahme w\u00e4hrend der Schwangerschaft und die zunehmende Belastung des unteren R\u00fcckens wird der Bauch beim Gehen nach vorne geschoben, sodass eine sogenannte Hohlkreuzhaltung entstehen kann. Deshalb klagen viele schwangere Frauen \u00fcber R\u00fcckenschmerzen und es kann auch zu einer verst\u00e4rkten Lendenlordose kommen. Da besonders das Becken durch das Gewicht des F\u00f6tus belastet wird und sich neigen kann, kommen h\u00e4ufig Beckenschmerzen hinzu, die das Gehen beschwerlich machen. Durch die Belastung des R\u00fcckens klagen bis zu etwa 70 % von schwangeren Frauen \u00fcber Schmerzen im unteren R\u00fccken und im hinteren Beckenbereich. In einigen F\u00e4llen k\u00f6nnen diese Schmerzen sogar bis zu drei Jahre nach der Geburt anhalten.<\/p>\n<p>Durch die ver\u00e4nderte K\u00f6rperhaltung, das zus\u00e4tzliche Gewicht und die durch Hormone gelockerten Gelenke und B\u00e4nder wird der untere R\u00fccken stark belastet, sodass auch Taubheitsgef\u00fchle und Kribbeln in H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen auftreten k\u00f6nnen. Da sich die Kr\u00fcmmung der Wirbels\u00e4ule st\u00e4rker auspr\u00e4gt, k\u00f6nnen die Nerven, die von der Wirbels\u00e4ule zu den F\u00fc\u00dfen und Beinen verlaufen, dauerhaft gereizt werden oder unter Zug geraten, wodurch es zu Taubheitsgef\u00fchlen in den F\u00fc\u00dfen kommen kann. Zudem kann es durch Schwellungen zu Verengungen im Bereich des Handgelenks kommen, wodurch Nerven, die zur Handfl\u00e4che verlaufen, gedr\u00fcckt werden und Taubheitsgef\u00fchle in den H\u00e4nden entstehen k\u00f6nnen. Auch Kr\u00e4mpfe oder ein Ziehen in den Beinen treten h\u00e4ufig auf, weil die durch Hormone gelockerten Beckenstrukturen Druck auf die Nerven aus\u00fcben k\u00f6nnen, die durch das Becken verlaufen.<\/p>\n<p>Im sp\u00e4teren Verlauf der Schwangerschaft versp\u00fcrt eine Mutter zunehmend ein Engegef\u00fchl in der Brust oder Kurzatmigkeit. Auch die Verdauung funktioniert schlechter, Magens\u00e4ure kann aufsteigen und selbst das Liegen auf dem R\u00fccken oder das Atmen kann schwerfallen. Das liegt daran, dass der wachsende F\u00f6tus auf die inneren Organe dr\u00fcckt. Dadurch werden vor allem Magen, Leber und Darm aus ihrer urspr\u00fcnglichen Position verdr\u00e4ngt und auch das Zwerchfell wird nach oben gedr\u00fcckt, was die Atmung erschweren kann. Die Blase wird nach unten gedr\u00fcckt, sodass h\u00e4ufigere Toiletteng\u00e4nge notwendig werden, und durch den Druck auf den Magen m\u00fcssen kleinere und daf\u00fcr h\u00e4ufigere Mahlzeiten eingenommen werden. Wenn der Bauch gr\u00f6\u00dfer wird, verlagert sich auch der Dickdarm, insbesondere der Grimmdarm, weiter nach oben in Richtung Brustkorb. Die Geb\u00e4rmutter, die vor der Schwangerschaft etwa die Gr\u00f6\u00dfe eines H\u00fchnereis hatte, kann sich ihrem Volumen nach in der Sp\u00e4tschwangerschaft auf das bis zu 500-Fache vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<figure><picture><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/thum_mothers_pain_03.jpg\"><\/picture><\/figure>\n<p>Trotz all dieser enormen Ver\u00e4nderungen nimmt der K\u00f6rper einer Mutter bereitwillig Schmerzen auf sich, um einem neuen Leben zur Geburt zu verhelfen. Noch erstaunlicher ist, dass gerade diese Schmerzen einer Mutter die Geburt eines neuen Lebens erm\u00f6glichen. Durch die Wirkung des Hormons Oxytocin, das die Geb\u00e4rmutter zum Zusammenziehen bringt, wird der Geburtsvorgang eingeleitet. Wenn Oxytocin ausgesch\u00fcttet wird und sich die Geb\u00e4rmutter zusammenzieht, dann versp\u00fcrt die Mutter Schmerzen. Durch eine positive R\u00fcckkopplung<sup>2<\/sup> regen diese Schmerzen wiederum die Aussch\u00fcttung von noch mehr Oxytocin an. Letztendlich sind es also die Schmerzen der Mutter, die dem Baby den Weg nach drau\u00dfen erm\u00f6glichen.<\/p>\n<div class=\"sup-desc\">\n2.\u00a0Positive R\u00fcckkopplung (positive feedback): R\u00fcckkopplung bezeichnet ein Prinzip der automatischen Regulierung, bei dem ein durch eine Ursache hervorgerufenes Ergebnis wieder auf die Ursache einwirkt und das Ergebnis entweder verringert oder verst\u00e4rkt. Im Gegensatz zur negativen R\u00fcckkopplung, die ein Ergebnis verringert, kommt positive R\u00fcckkopplung, die ein Ergebnis verst\u00e4rkt, eher selten vor. Ein typisches Beispiel daf\u00fcr ist die durch Oxytocin ausgel\u00f6ste Reaktion im K\u00f6rper: Wehen und Geb\u00e4rmutterkontraktionen verst\u00e4rken den Druck auf den Geb\u00e4rmutterhals, wodurch wiederum die Aussch\u00fcttung von Oxytocin weiter angeregt wird.<\/div>\n<p>Von dem Beginn der Schwangerschaft an bis zur Geburt dreht sich das gesamte System des K\u00f6rpers einer Mutter nicht um sie selbst, sondern um den F\u00f6tus. Im K\u00f6rper einer Mutter zeigt sich ein altruistisches Verhalten, das im Allgemeinen kaum zu begreifen ist. Alle N\u00e4hrstoffe werden dem F\u00f6tus \u00fcberlassen, und Unbehagen sowie Schmerzen werden ertragen. Ganze zehn Monate lang tr\u00e4gt sie das Kind so in sich und schlie\u00dflich bringt sie es unter noch gr\u00f6\u00dferen Schmerzen zur Welt und schlie\u00dft es in ihre Arme. Welche Vorsehung offenbart uns diese tiefe Liebe, die in jeder Mutter gleichsam vorprogrammiert ist? Auch heute wird inmitten der Schmerzen einer Mutter neues Leben geboren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Schmerz ist ein subjektives Empfinden, das sich quantitativ nicht messen l\u00e4sst. Daher ist Schmerz ein relativer Begriff, f\u00fcr den sich keine absoluten Zahlenwerte berechnen lassen. 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